Realtalk

Mein Wirrwar in meinem Kopf – Realtalk#1

Wie beschreibt man das was man fühlt, wenn man selbst so gar nicht richtig weiß was mit einem los ist? Wie kann man jemanden erklären wie leer man sich fühlt und wie schlimm dieses Gefühl ist?

Diagnose: leichte bis mittelschwere Depression. Eine Diagnose die mich eigentlich nicht schockiert hat, da ich mit dieser Antwort vom Arzt gerechnet habe, doch schockiert war ich, weil ich mich selbst fragte wie es dazu kommen konnte.

Und damit begrüße ich euch zu einem meiner persönlichsten Beiträge, die ich wohl jemals schreiben werde. Ich habe mir zwar vorher einen roten Faden überlegt, aber so wie ich mich kenne, werde ich sicher mal hier und da abschweifen. Zuerst möchte mit euch darüber quatschen warum ich so ein privates Thema überhaupt öffentlich anspreche. Im Anschluss werde ich euch von mir und meiner privaten Geschichte erzählen und was der Hintergrund meiner Depression ist. Dann möchte ich euch natürlich nicht vorenthalten wie ich darauf gekommen bin, dass ich nicht nur „einen schlechten Tag“ habe, sondern unter einer Depression leide und auch hier versuche ich so gut es geht auf meine Symptome einzugehen. Zuletzt werde ich euch von meinem aktuellen Stand berichten, also wie es mir aktuell psychisch geht, was sich in meinem Leben verändert hat und voraussichtlich noch ändern wird.

Bevor wir nun aber endgültig loslegen möchte an dieser Stelle einmal ausdrücklich sagen, dass ich hier von MEINER Geschichte erzähle, das bedeutet nicht das jede Depression genauso verläuft wie meine, denn jede Depression ist irgendwie anders. Die Hintergründe sind bei jedem anders, genauso wie Verlauf, Symptome und Schwere der Depression, behaltet das bitte im Hinterkopf.

Das ist auch schon die perfekte Überleitung zu dem ersten Thema: Warum mache ich das ganze überhaupt? Auch vor meiner eigenen Depression wurde ich sowohl im Familiären Umfeld als auch im Freundeskreis immer wieder mit diesem Thema konfrontiert und habe daher schon sehr früh Verständnis für psychische Krankheiten aufbringen können. Das sollte Normalzustand sein, dass man es schafft Verständnis aufzubringen für jemanden der unter einer psychischen Krankheit leidet (und ich rede hier natürlich nicht nur von Depressionen), doch leider ist dies immer noch eine Art Tabu Thema. Es wird immer noch viel zu wenig über solche Krankheiten gesprochen und viel zu oft begegnet man Personen die kein Verständnis aufzeigen. Ich hoffe also zum einen Menschen damit zu erreichen, die vielleicht noch nicht mit dem Thema Depressionen konfrontiert wurden und diesen damit einen kleinen Einblick zu gewähren und die Krankheit so „verständlicher“ zu machen. Ein weiterer Punkt sind die betroffenen selbst. Glaubt mir es ist gar nicht so einfach den Satz „Ich habe eine Depression“ vor Freunden oder vor der Familie auszusprechen. Man hat Angst vor den Reaktionen, Angst auf Unverständnis zu treffen und so wird es mit Sicherheit viele Menschen geben, die sich vielleicht nicht trauen diesen Satz auszusprechen. Ich möchte mit meinem Beitrag allen zeigen: Ihr seid nicht allein! Ich danke euch für den bisherigen Austausch den ich schon hatte und freue mich natürlich mich mit euch über dieses Thema austauschen zu können, sei es hier auf meinem Blog, auf Instagram oder per Mail!

Jetzt wisst ihr und könnt hoffentlich auch verstehen warum ich das ganze hier tue. Nun kommen wir zu dem härtesten Part, das ist er jedenfalls für mich. Für diejenigen unter euch, die mich noch nicht so gut kennen möchte ich euch zuerst ein wenig von mir erzählen: Ich bin zurzeit 23 Jahre jung, habe meine Abitur und eine abgeschlossene Ausbildung bereits in der Tasche und befinde mich momentan in einem dualen Studium und studiere Wirtschaftsinformatik im 3. Semester. Ich selbst würde mich als sehr starke Person sehen, nie um einen guten Spruch verlegen, lache viel und sonst war immer ich diejenige, die man um Rat und Hilfe gefragt hat, doch dieses Jahr hat sich vieles gedreht und verändert. Man könnte sagen das Jahr 2019 war nicht mein Jahr. Einige von euch werden jetzt vielleicht sagen „ja jeder hat mal ein Jahr das mal nicht so gut läuft“. Absolut richtig, aber für mich war es zu viel. Angefangen hat mein Jahr 2019 schon recht bescheiden, denn nach über 3 Jahren Beziehung wurde ich von meinem damaligen Freund verlassen. Einfach so ersetzt für eine andere von heut auf morgen. Ja Trennungen kommen vor, aber sie sind hart. Die ersten Wochen waren wirklich extrem, Liebeskummer war angesagt und es wurde so extrem, dass meine beste Freundin mich täglich daran erinnern musste etwas zu essen. Das ging Wochen so, bis ich wieder zurück zu meiner Uni musste, 600km von meiner Heimat entfernt für 3 Monate. Dort ging es wieder Bergauf und ich konnte meine Trennung gut verarbeiten. Die Uni war jedoch hart, ich musste Prüfungen wiederholen, der Druck war extrem groß und die Angst zu versagen immer präsent, doch irgendwie kam man dann doch durch.

Nach 3 Monaten Uni wieder zu Hause angekommen ging es mir auch erstmal gut. Doch schnell ging es wieder bergab. Meine Tante war sehr krank, vom Krebs zerfressen und hat länger durchgehalten als jeder Arzt prophezeit hat, doch es wurde schlimmer. Täglich immer schlimmer, doch sie hat gekämpft. Gerade als man dachte es wird besser starb ihr Bruder, also mein Onkel. Keiner hat damit gerechnet und es kam sehr unerwartet und dementsprechend hart hat es uns alle getroffen. Sowas zu verarbeiten ist nie leicht und ich habe immer versucht allen zu zeigen wie stark ich bin, dass ich mit der Situation klarkomme und nur selten lassen ich jemanden daran teilhaben wie es mir wirklich geht in solchen Momenten. Ich rede zwar darüber, damit es mir besser geht, aber vor jemanden einen Nervenzusammenbruch deswegen bekommen? Nein das ist mir nur selten passiert. Als dieser Verlust einigermaßen verarbeitet war blieb meiner Familie und mir leider nicht viel Zeit zum Durchatmen. Ihr könnt euch jetzt sicher denken was kommt, oder? Eine Woche vor meinem 23. Geburtstag ist dann auch leider meine geliebte Tante von uns gegangen. Natürlich war uns allen klar, dass der Tag kommen würde und auch das es besser so für sie war, niemand von uns wollte sie noch leiden sehen, doch der Verlust hat uns allen wortwörtlich den Boden unter den Füßen weggezogen. Mich hat es besonders hart getroffen, denn ich sollte in der Woche von meinem Geburtstag geschäftlich nach München reisen und das würde bedeuten ich könnte nicht an der Beerdigung teilnehmen, jedoch wusste ich auch das die Beerdigung an meinem Geburtstag stattfinden würde. Ich befand mich in einer Zwickmühle, denn zum einen wollte ich die Möglichkeit haben auf der Beerdigung einen Abschluss finden zu können, andererseits wusste ich, ich würde es nicht ertragen können. Ich habe also beschlossen meine Dienstreise trotz der Geschehnisse anzutreten und auch wenn ich wusste das es für mich besser war, hatte ich ein schlechtes Gewissen nicht zur Beerdigung gekommen zu sein. Dieses Jahr ist also einiges passiert wie ihr seht. Dazu kam noch der Druck in meinem Studium denn ich musste immer noch darum bangen, ob ich überhaupt bestehe oder ob ich nicht doch von der Uni fliege und seit Oktober befinde ich mich wieder an meiner Uni und man konnte von Tag zu Tag beobachten wie es mir immer schlechter ging.

Nachdem ihr jetzt so ein bisschen den Hintergrund kennt möchte ich euch jetzt erzählen, wie ich darauf gekommen bin das ich unter einer Depression leide.

Wie bereits erwähnt, bin ich im Oktober wieder nach Ravensburg gegangen, um zu studieren. War ich zu Beginn trotz des Drucks noch sehr motiviert, ging es mir plötzlich täglich schlechter. Man konnte täglich beobachten wie es mir schlechter ging und ich rede hier nicht nur von: ich habe schlechte Laune oder ich bin mal traurig. Nein neben meinen schlimmen Launen habe ich fast täglich meist grundlos geweint und irgendwann kam der Zeitpunkt an dem mir die einfachsten Sachen schwergefallen sind. Beispielsweise habe ich, um meine Bettwäsche zu wechseln über eine Stunde gebraucht. Eine Tätigkeit für die ich normal nicht mal 5 Minuten brauche. Doch damit nicht genug. Einige Zeit später fiel mir selbst das aufstehen schwer, dabei ist es doch so leicht: Beine über die Bettkante stehen und aufstehen. Aber es…ging nicht, egal wie sehr ich innerlich doch wollte, aber ich hatte keine Kraft. Wenn es so schlimm wurde habe ich den Tag damit verbracht meine Decke anzustarren und darauf zu warten das der Tag vorbei geht. Das war der Punkt an dem ich mich selbst gefragte was mit mir los ist und etwas ganz und gar nicht stimmt, denn eigentlich bin ich ein absolutes Stehaufmännchen. Doch dieses Verhalten hat NULL zu mir gepasst. Daraufhin habe ich einen Arzt in Ravensburg aufgesucht und dieser bestätigte sehr schnell meine Vermutung, die mir doch eigentlich schon längst klar war.

Nun kommen wir zu meiner aktuellen Lage, denn seit der Diagnose hat sich so viel verändert. Da ich keine Tabletten nehme und wegen den regelmäßigen Wohnortwechsel eine Therapie erstmal nicht möglich war hat der Arzt mir dazu geraten viel Sport zu machen, auf eine gesunde Ernährung zu achten und mich meinen engsten Freunden anzuvertrauen. Mein Umfeld hat auch wirklich sehr gut auf meine Diagnose reagiert und sehr viele haben mich gefragt worauf sie achten sollen, um nicht ungewollt negativ auf die Depression einzuwirken. Das hat mir in vielem wirklich die Last genommen und ich habe mich verstanden gefühlt und mein Kopf konnte wieder etwas abschalten, doch gut ging es mir trotzdem nicht. Aus diesem Grund habe ich eine folgenschwere Entscheidung getroffen: ich werde mit meinem Studium aufhören, bin schon wieder in meine Heimat gezogen, die Exmatrikulation ist in die Wege geleitet und ein neuer Job scheint auch in Aussicht zu sein. Natürlich noch ist nicht alles geklärt und ich bin noch einige Wochen von einem normalen Tagesablauf entfernt, ABER es geht mir langsam besser. Es wird noch einige Zeit dauern bis es mir wieder gut gehen wird, aber ich bin zuversichtlich!

Deswegen an alle die betroffen sind: ihr seid nicht allein! Traut euch Hilfe zu holen.

Ich hoffe ich konnte euch damit einen kleinen Einblick in mein Leben und in meine Krankheit geben. Ich bin gespannt auf eure Erfahrungen und Meinungen!

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