Interview

Interview mit Andy Feind

Autor Andy Feind

Hallo meine lieben!
Wie ihr vielleicht mitbekommen habt bin ich Botschafterin für den Deutschen Selfpublishing Preis 2019 in der Kategorie Sachbuch und Ratgeber. Vor einigen Tagen wurde die Shortlist bekannt gegeben und ein Autor, der verdient einen Platz auf der Shortlist bekommen hat ist Andy Feind mit seinem Buch “Gedankengewitter”.

Die Rezension zu dem Buch findet ihr hier.

In seinem Buch redet er über seine Depression und Andy war so lieb und hat sich meinen und euren Fragen gestellt. Nun hab ich auch genug erzählt und hoffe, dass euch das Interview gefällt! (Zu dem Zeitpunkt des Interviews wussten wir beide noch nicht, dass Andy es auf die Shortlist geschafft hat)

Jey:
Hallo Andy! Nochmals vielen Dank für das Interview. Du bist in der Longlist des Deutschen Selfpublishing Preises gelandet, erstmal Glückwunsch dazu! Wie hat sich das für dich angefühlt, als du davon erfahren hast?

Andy:
Hi Jey, danke für die Möglichkeit, das Interview geben zu dürfen!

Als ich erfahren habe, dass ich auf der Longlist stehe, war ich tatsächlich baff, da es auch eine sehr kuriose Situation war.
Ich saß gerade in einer Personalratssitzung, in welchem ich im „wahren Leben“ sitze und dann ploppte die E-Mail auf. Die Diskussion im Raum war gerade relativ hitzig und ich lese nur die ersten paar Zeilen, die mein Smartphone mir dargestellt hat und dachte nur „Waaaaaas? Wie krass ist das denn?“.

Die Freude musste ich dann erstmal ein wenig für mich behalten, damit die Ernsthaftigkeit der Sitzung nicht verloren ging… aber als ich dann im Auto saß, bin ich ausgeflippt und habe mich mega gefreut. Ein tolles Gefühl!

Jey:
In deinem Buch „Gedankengewitter“ redest du über deine Depressionen. Falls ich fragen darf: wie ist deine aktuelle Lage? 

Andy:
Meine aktuelle Lage ist grundsätzlich ganz gut. Ich arbeite in Vollzeit bei meiner Arbeitsstelle und lebe von Tag zu Tag. Es gibt zwar immer mal wieder ein paar seelische Einbrüche oder schlechtere Tage, aber so richtig schlimm war es jetzt zum Glück seit langer Zeit nicht mehr.
Ich nehme aktuell auch keine Medikamente mehr und bin auch zur Zeit nicht in Therapie. Ich habe viel Handwerkszeug an die Hand bekommen, damit ich mein Leben momentan ganz gut auf die Reihe bekomme.

Jey:
Viele meiner Leser interessiert vor allem eine Frage ganz besonders: was waren die ersten Symptome deiner Depression und wann kam bei dir die Erkenntnis, dass du diese Krankheit haben könntest?

Andy:
Puh, die ersten Symptome… schwierig. Ich muss etwas ausholen. Dadurch, dass der Auslöser meiner Depression der Tod meiner besten Freundin Alex war, die im Oktober 2001 bei einem Autounfall ums Leben kam, kam die Depression natürlich nicht schleichend, sondern relativ zügig.
Nur die Symptomatik verschlechterte sich zusehends… Aber anfangs habe ich mich von meinen Freunden abgeschottet, bin weniger bis gar nicht mehr zur Schule gegangen, habe mit niemandem darüber geredet und versucht, alles mit mir selbst auszumachen. Ich habe mir selbst die Schuld an ihrem Tod gegeben (sie war auf dem Weg zu mir, als ein Autofahrer sie betrunken von der Straße drängte…) und mich damit echt selbst gegeißelt. Ich war irgendwie tief traurig, aber andererseits habe ich auch gar nichts mehr gespürt. Wie ein dichter Schleier. Ich konnte teilweise nicht weinen, aber auch nicht lachen. Ich verlor regelrecht die Lebensfreude. Und in den weiteren Jahren wurde das immer schlimmer, bis ich mir im Oktober 2008 dann das Leben nehmen wollte… Dies hat nicht so geklappt, wie ich mir das vorgestellt hatte und dann bin ich zum Arzt gegangen, da es so nicht mehr weitergehen konnte.

Die Erkenntnis, dass ich diese Krankheit haben könnte, kam erst sehr spät. Ich redete mir wahnsinnig lange ein, dass es ja nur „Trauer“ ist und „die scheiß Zeit schon wieder vorbeigehen wird“.

Jey:
Bereits auf dem Klappentext deines Buches erfährt man, dass du schon 2009 an dem Manuskript saßt, aber es dann zur Seite gelegt hast. Was war für dich der ausschlaggebende Punkt, doch das Buch fertig zu schreiben und zu veröffentlichen?

Andy:
Spannenderweise fiel die Entscheidung bei einem Aufenthalt in einer psychiatrischen Tagesklinik. Ich war dort Patient und sprach in den Therapien viel über meine Vergangenheit, über meine Suizidgedanken, wie ich mich fühle und was mich so beschäftigt. Eine Mitpatientin sprach mich irgendwann darauf an, dass sie es total mutig findet, dass ich da so offen darüber sprechen kann und dass sie das beneidet… ich sollte doch was aus der Sache machen. Und dann fiel mir mein Buchmanuskript wieder ein, welches ganze 13 Seiten umfasste und in Romanform vor sich hinschlummerte. Und dann begann ich weiterzuschreiben. Erstmal nur für mich. Als eine Art Selbsttherapie. Dann habe ich einige Leute lesen lassen, was ich zu Monitor gebracht habe und wurde darin bestärkt, weiter zu machen. Und jetzt habe ich das Werk seit 2018 veröffentlicht und bin für den Deutschen Selfpublishing-Preis 2019 nominiert. Das ist total absurd irgendwie… aber ich freue mich wahnsinnig, dass ich der Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen damit eine Plattform schenken kann und diese tatsächlich auch einem breiteren Publikum bekannter wird. Nur wenn man über die Erkrankung redet, kann man wissen oder ahnen, was in anderen Personen vorgeht. Ohne Vorurteile. Ohne mit dem Finger zu zeigen. Sondern auf einer Ebene des Verständnisses und der Empathie. Schlussendlich sind Depressionen „nur“ eine Krankheit, zwar eine gefährliche Krankheit, aber sie ist behandelbar. Man muss ihr nur den Schrecken nehmen.

Jey:
Gab es Stellen in deinem Buch die dir besonders schwer gefallen sind zu schreiben? Warum?

Definitiv. Es gibt so einige Stellen, die schwierig sind. Das merken auch die Leser und melden mir das zurück.

Andy:
Das schwierigste Bruchstück allerdings ist für mich die Nummer 13. „Letzte Wege“. Dieses Kapitel handelt vom Sterbeprozess meines Vaters, der 2012 an Speiseröhrenkrebs verstarb. Ich hatte das Glück, dass ich ihn in dieser Zeit komplett begleiten durfte und wir alles klären und uns richtig verabschieden konnten. Ich habe in der Zeit schlichtweg nur funktioniert. Und mit dem Schreiben dieses Bruchstücks habe ich alles nochmal erneut durchlebt. Trauer, Frustration, Hass, Hilflosigkeit, Tränen. Alles. Und das hat mir bedeutend geholfen, dass ich heute darüber ganz offen sprechen kann, ohne gleich wieder feuchte Augen zu haben.

Jey:
Du hast keinen Verlag hinter dir stehen und hast dein Buch als Selfpublisher veröffentlicht. Was hat dich dazu bewegt, dein Buch im Selfpublishing zu veröffentlichen?

Andy:
Letztendlich war es Frustration und ein gewisser Kampfgeist.
Als mein Manuskript fertig war und bei den Testlesern gut angekommen ist, habe ich zwölf unterschiedliche Verlage per E-Mail angeschrieben. Ich habe nicht das Manuskript ungefragt eingesendet, sondern erstmal kurz davon erzählt, was es für ein Buch ist, welchen Stil ich verfolgt habe und einfach gefragt, ob solch ein Buch in deren Konzept passt. Man will ja nicht mit der Tür ins Haus fallen, schon gar nicht, wenn man sich in dem Dickicht des Buchveröffentlichungsdschungels verliert und eigentlich eh noch keinen Plan hat, wie was läuft.

Ich habe auf meine zwölf Anfragen tatsächlich keine einzige Antwort erhalten. Nicht mal eine Eingangsbestätigung meiner E-Mails. Und da habe ich beschlossen, das Buch vorerst als Self-Publisher zu veröffentlichen. Ich habe so viel Herzblut, Tränen, Zeit und Energie in dieses Buch gesteckt, dass ich einen Verlag an meiner Seite haben möchte, der das Buch genauso sieht, wie ich. Als Herzensprojekt. Es ist nicht irgendeine Fantasiegeschichte. Nein, es ist mein Leben mit chronischen Depressionen. Ich habe mein innerstes nach außen gekehrt. Und es wäre schön, einen Verlag zu haben, der da genauso dahinter steht, wie ich es tue. Und da die Möglichkeit des Self-Publishings heute relativ einfach und qualitativ auch hochwertig ist, habe ich mich für diesen Weg entschieden, da ich das Buch auf jeden Fall den Menschen zur Verfügung stellen wollte, denen es helfen kann, ein klein wenig mehr Verständnis für Erkrankte oder die eigene Krankheit aufzubringen.

Jey:
Eine Frage, die meine Leser und vor allem mich interessiert: sind noch weitere Buchprojekte geplant?

Andy:
Aktuell habe ich ein bis zwei weitere Ideen, aber die schlummern noch tief in meinen hintersten Hirnwindungen. Wer weiß, was in Zukunft passiert, aber in den nächsten paar Monaten möchte ich erstmal schauen, was mit „Gedankengewitter: Inmitten meines Depressionstornados“ noch so passiert.
Ich habe das Gefühl, hier hat meine Reise erst begonnen. Ich möchte nicht einfach ein Buch veröffentlichen, weil der Markt es verlangt. Wenn ich etwas veröffentliche, dann muss mein Herzblut einfließen und ich möchte genauso intensiv dahinter stehen, wie ich es bei meinem aktuellen Buch tue.

Jey:
Was wünscht du dir für deine Zukunft?

Andy:
Klingt nach einer einfachen Frage, aber für jemanden mit chronischen Depressionen ist diese Frage nicht so leicht zu beantworten.

Ich möchte gesund bleiben, ich möchte, dass meine Lieben gesund bleiben und ich möchte Stabilität, was die Depression angeht. Ich wünsche mir, dass ich mit meinem Buch, meinen Lesungen und Vorträgen und auch den Social-Media-Posts viele Menschen erreiche und Mut machen kann. Vorurteile ausräumen. Brücken bauen zwischen Erkrankten und Nichterkrankten. Und ganz klassisch: Ich wünsche mir einfach Frieden. Im privaten Umfeld, wie auch im Globalen gesehen.

Andy ich danke dir für dieses unfassbar ehrliche und persönliche Interview! Und an meine Leser: schaut euch unbedingt Andys Buch an, ich fand es extrem bewegend!

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